Vogelsberger Dom

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Kirche Unterreichenbach

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Der so genannte "Vogelsberger Dom" ist natürlich kein wirklicher Dom, sondern hat den Namen einfach nur aufgrund seiner auffallenden Größe bekommen. Allerdings hat die Kirche in Unterreichenbach eine ähnlich lange Geschichte bzw. wie manch "echter" Dom: Die heutige Unterreichenbacher Kirche ist bereits mindestens die dritte an dieser Stelle. Eine erste Kirche muss hier wahrscheinlich irgendwann im Verlauf des 9.Jahrhunderts errichtet worden sein. Über sie ist aber weiter nichts bekannt, groß war sie sicherlich nicht.

Im 14. Jahrhundert wurde sie offenbar durch einen größeren Neubau ersetzt. Dies lässt sich aus einer Urkunde schließen, in der die Stiftung eines Altares für diese Kirche durch den damaligen Territorial- und Gerichtsherrn des Gerichtes Reichenbach, Graf Gerhard von Weilnau, festgehalten ist.
Auch über deren Aussehen und Bauart ist nichts sicheres bekannt. Vermutlich war es ein dreischiffiger spätgotischer Hallenbau mit einem Turm, der mit Glocken und Uhr bestückt war.

Eine Gruft unter der Kirche diente wohl als Begräbnisstätte der Gerichtsherren und Vogteiinhaber. Ein besonders wertvolles Epitaph aus dieser Gruft, das erhalten blieb, ist heute in der Eingangshalle der Kirche im Turm zu sehen. Es zeigt in Lebensgröße zwei Gräfinnen von Weilnau mit einem Kind, die hier begraben wurden.
Auf den um die Köpfe gebogenen Schriftbändern steht "noch gott burt drizenhundert zvei un sezzig iar vor urba starp greta vo wilnaw" bzw. "noch gott burt drizenhundert vier und sezzig iar vor sixti starp margrit vo wilnaw". Über dem Kind steht "gretichen". Über den Köpfen der Frauen ist jeweils das Weilnauer Wappen zu sehen, darunter die der Herkunftsfamilien.

Die heutige Kirche:

Im 18. Jahrhundert war durch Kriegseinwirkungen und nachfolgenden Verfall auch diese Kirche schließlich so baufällig geworden, dass keine Reparatur mehr versucht wurde. 1742 wurde der Abriss und ein Neubau an gleicher Stelle beschlossen. Allerdings war die Frage der Finanzierung schwierig: Die Gemeinde selbst hatte nicht genug Geld für einen Kirchenbau. Die damals sieben Dörfer der Kirchengemeinde brachten schließlich zusammen 5000 Gulden auf und übernahmen kostenlos alle notwendigen Fuhren. Das fürstliche Haus Isenburg in Birstein stiftete Bauholz aus seinen Beständen, steuerte dazu noch einen geldlichen Betrag bei und genehmigte eine Kollekte zugunsten des Neubaus in allen Kirchen des Isenburger Landes. Außerdem reisten der Pfarrer und der Lehrer von Unterreichenbach nach Holland, um nach damaliger Sitte bei den dortigen wohlhabenden reformierten Gemeinden Geld zu sammeln. Vor allem durch einen sehr reichen holländischen Freund des Pfarrers Schott fiel diese Sammlung so hoch aus, dass der Neubau sogar einer so großen Kirche möglich war. Die Gesamtkosten für das riesige Gebäude in Höhe von 26000 Gulden waren gesichert.

Nach dem Abriss der alten wurde am 27. April 1748 der Grundstein zur neuen Kirche gelegt. Am 18. Oktober 1750, nach nur 2 1/2 Jahren, wurde zum Schluss das Kreuz und der Hahn auf den immerhin 46 Meter hohen Turm des neuen Bauwerks gesetzt und die Kirche eingeweiht. Bis zur vollständigen Fertigstellung einschließlich der gesamten Inneneinrichtung dauerte es aber noch weitere vier Jahre, wohl auch, weil inzwischen doch das Geld knapp geworden war.

Seither hat es am "Vogelsberger Dom", wie die Kirche wegen ihrer Größe bald genannt wurde, innen wie außen kaum Veränderungen gegeben. Nicht einmal eine Heizung wurde eingebaut! Lediglich die Orgel ist nicht mehr original, sondern musste 1877 einer neuen weichen. Außerdem haben die ursprünglichen vier alten Bronzeglocken die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts nicht überlebt: Drei wurden im 1. Welt-krieg beschlagnahmt und eingeschmolzen, die vierte ereilte im 2. Weltkrieg das gleiche Schicksal. Nach den Kriegen wurden die fehlenden Glocken 1921 bzw. 1958 durch neu angefertigte ersetzt.

Wer heute die Unterreichenbacher Kirche besucht, wird sich nicht nur über eine so große Kirche in dem kleinen Dorf wundern - immerhin passen mehr als 1000 Menschen hinein -, sondern auch über ihre Anlage und Einrichtung: Der Haupteingang geht durch den Turm, der auf der Südseite an das rechteckige Kirchegebäude angebaut ist. Der erste Eindruck vom Innenraum der Kirche ist bestimmt durch eine große Menge an naturbelassenem Holz, mit dem ganz schlicht und fast ohne jede Verzierungen die Einrichtung gestaltet wurde. Dies gilt sowohl für die beiden großen Emporen, die übereinander von der Ost- über die Nord- bis zur Westseite laufen, wie auch für die Sitzbänke unten im Kirchenraum. Die Anordnung der Bänke in getrennten "Blöcken" hat seinen Grund übrigens darin, dass jedes Dorf der Gemeinde traditionell seinen eigenen Sitzblock in der Kirche hat. Originell ist auch die Anordnung der Orgel auf einer besonderen Empore an der Südseite, die nur über den Turm zu erreichen ist. Darunter ist die Kanzel angebracht, die sich auf diese Weise fast in der Mitte der Kirche befindet.

Am auffälligsten aber ist die Mitte der Kirche: Im Unterschied zu vielen anderen Kirchen hat dieser barocke Bau nicht einen Altarraum und ein darauf ausgerichtetes Kirchenschiff, sondern besteht aus einem einzigen riesigen Saal, in dessen Mitte leicht erhöht der hölzerne Altartisch aufgestellt ist. In dieser Hinsicht und auch in anderen Merkmalen ist bei diesem Kirchenbau damit die Vorstellung der damaligen Zeit für eine evangelische Kirche verwirklicht worden.

Außerdem war so alles streng nach reformierter Lehre konzipiert. Im Unterschied zu vielen anderen Kirchen (auch zu evangelischen) hat dieser barocke Bau deshalb praktisch keinerlei Schmuck oder Bilder, denn nach reformierter Sicht soll nichts den Besucher von der Konzentration auf Gottes Wort ablenken können. Auch einen Altarraum und ein darauf ausgerichtetes Kirchenschiff gibt es hier nicht, sondern die Kirche besteht aus einem einzigen riesigen Saal, in dessen Mitte leicht erhöht der hölzerne Altartisch aufgestellt ist. Auch einen Taufstein sucht man daher in dieser Kirche vergebens: Zur Taufe wird bis heute eine Taufschale ebenfalls auf dem Altartisch in der Mitte gestellt. Die ganze Gemeinde versammelt sich hier sozusagen um den Tisch des Herrn. Dazu passen auch die ursprünglich vier Eingänge, die die Unterreichenbacher Kirche hatte. Von allen vier Seiten führt der Weg in die Kirche auf den Altartisch zu.

Heute hat die Kirche allerdings nur noch drei Eingänge: Der Nordeingang, der zum so genannten "Herrensitz" führte, wurde 1803 zugemauert.
Eine mündliche Überlieferung im Dorf erzählt jedoch, dass dies rund 60 Jahre später geschah auf Eigeninitiative der Unterreichenbacher, nachdem der Birsteiner Fürst, der seit 1803 auch das Patronat der Kirche inne hatte, im Jahr 1862 zur katholischen Kirche übergetreten war (nominell bestand das Patronat weiter, bis der Fürst im Jahr 2004 darauf verzichtete, hatte aber praktisch keine Bedeutung mehr).
Der Zugang von Süden her, durch den Turm, ist der Haupteingang der Kirche. Der Eingang auf der Ostseite (Lindenstraße) wurde im Dezember 2003 mit einer Rampe barrierefrei umgestaltet, so dass nun auch mit Rollstuhl usw. ein unbehinderter Zugang zur Kirche möglich ist.

Im Jahr 2000 haben anlässlich des 250-jährigen Jubiläums der Kirche von Frühjahr bis Herbst verschiedene Veranstaltungen stattgefunden.
Zum Jubiläum ist auch eine Festschrift erschienen. Sie ist in der Kirche oder dem Pfarramt erhältlich.
Sie können sie aber auch Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. direkt bestellen. (Überweisungsträger beigefügt 2,50€ + Porto)

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 18. Dezember 2009 um 18:30 Uhr